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Das kirchenmusikalische Schaffen
Im Zentrum von Joseph Haydns Kirchenmusik im engeren, liturgischen Sinn stehen
seine vierzehn Vertonungen des lateinischen Messentextes, angefangen von den
ersten Missae breves aus den Jahren um 1749/50 bis zu den großen späten Messkompositionen
im Auftrag des Fürstenhauses Esterházy. Hinzu kommen, neben einigen kleineren
Kirchenwerken wie Motetten und Offertorien, zwei gewichtige Te-Deum-Vertonungen
in C- und D-Dur, zwei Salve Regina, ein Stabat Mater sowie eine instrumentale
und eine vokal-instrumentale Fassung der Sieben Worte des Erlösers am Kreuze.
Während sich Johann Michael
Haydn in seiner Salzburger Lebensstellung zum Muster eines renomierten „Kirchenkompositeurs“
entwickelte, blieb die Sakralmusik bei Joseph Haydn, trotz gewichtiger Einzelbeiträge,
über Jahrzehnte ein Nebenfeld seiner Arbeit, die vor allem der Instrumentalmusik
gewidmet war. Erst in späteren Jahren und angereichert mit den experimentellen
Erfahrungen in der Sinfonik ergeben sich auch für ihn wieder Gelegenheiten,
seine allseits anerkannte Originalität auch in die Komposition von Messen einfließen
zu lassen, nun ausgedehnter und vertiefter als das bei seinen frühen Missae
breves der Fall war.
Die neuen Impulse hängen mit der wechselvollen Musikpolitik der Fürsten Esterházy
zusammen, einem einflussreichen ungarischen Magnatengeschlecht mit ausgedehnten
Besitzungen im Burgenland. Sie unterhielten lange Zeit ein verschwenderisch
ausgestattetes höfisches Musikleben, deren Leitung Haydn fast dreißig Jahre
lang versah. Diese Position kam mit dem Tod des Fürsten Nicolaus Esterházy im
September 1790 zu einem vorläufigen Ende, da der Nachfolger, Fürst Paul Anton
II., die Hofmusiker kurzerhand entließ. Die Mühen des aufreibenden Hofdienstes
mit ständigen Konzerten und Opernaufführungen waren mit einem Schlag beendet.
Haydn verblieben jedoch Titel und Versorgungsanspruch eines Fürstlich-Esterházyschen
Kapellmeisters.
1794 jedoch, während seiner zweiten England-Reise, veränderten sich die Umstände.
Fürst Paul Anton starb, Nicolaus II. etablierte wieder eine Hofmusik und der
Hofkapellmeister wurde in sein Amt zurückberufen, allerdings unter anderen Bedingungen:
Haydn war inzwischen eine europäische Berühmtheit, und so erhielt er auch im
Hause Esterházy einen Sonderstatus. In den kommenden Jahren bis zu seinem Tod
am 31. Mai 1809 (in seinem Haus in Wien-Gumpendorf) war er nicht mehr zwingend
an die Lokalpräsenz im Schloss Esterházy gebunden und seine kompositorischen
Verpflichtungen bestanden vornehmlich darin, jährlich im September zum Namenstag
der Fürstin Maria Josepha Hermenegilda eine feierliche Missa solemnis zu liefern.
Neben den letzten Streichquartetten, dem prächtigen C-Dur-Te-Deum für Kaiserin
Marie Therese und den beiden deutschsprachigen Oratorien (die sakrale Konzertmusik,
keine Kirchenmusik sind) entstehen die sechs sog. „späten Messen“ (Hob. XXII:
9–14), seine letzten Vertonungen des Ordinarium Missae.
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