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Das geistliche Vokalwerk im Urtext – komplett bei Carus „Kirchenmusik war das Lieblingsfach des Komponisten. Aber er konnte sich demselben am wenigsten widmen“, heißt es in der ersten großen Mozartbiografie, die Franz Xaver Niemetschek 1798 herausgab, sieben Jahre nach dem Tod des Klassikers, dessen Geburtstag sich am 27. Januar 2006 zum 250. Mal jährte. Mit einer Mischung aus Stolz und Verachtung hält Mozart einmal fest, dass sich sein ewiger Konkurrent auf der Wiener Opernbühne, Antonio Salieri, „nie dem Kirchenstil gewidmet habe, er sich aber von Jugend auf diesen Stil ganz zu eigen gemacht habe.“ In der Tat reichen die ersten Kirchenkompositionen bis in Mozarts Kinderzeit zurück: Die Psalmmotette God is our Refuge widmete der Neunjährige während seiner ersten Englandreise dem British Museum, das Kyrie in F KV 33 entstand im Juni 1766 in Paris. Spätestens mit den Messen von 1768/89 (darunter die Waisenhausmesse KV 139 und die Dominicus-Messe KV 66) bewies der Knabe, dass er nicht nur ein Wunderkind, sondern ein ernstzunehmender Kirchenkomponist war. Als Sohn des Vizekapellmeisters des Salzburger Fürsterzbischofs, der ihn bald als Violinist in die Hofkapelle aufnahm, war Mozart in seiner Jugend beständig von Kirchenmusik umgeben. Die Salzburger Kirchenmusik erlebte unter Sigismund von Schrattenbach eine Blüte, zu der Komponisten wie Johann Ernst Eberlin (1702–1762), Cajetan Adlgasser (1729–1777) und Johann Michael Haydn (1737–1806) beitrugen. Auf seinen Reisen lernte Mozart die Kirchenmusik Italiens kennen; Padre Giovanni Battista Martini (1706–1784) in Bologna öffnete ihm die Augen für die Schönheit des A-cappella-Stils Giovanni Pierluigi Palestrinas und seiner Nachahmer. In Wien studierte er später Werke Johann Sebastian Bachs (darunter offenbar die h-Moll-Messe) und Georg Friedrich Händels (u. a. das Alexanderfest und den Messias). All diese Anregungen trafen in einem Komponisten zusammen, der von sich sagen konnte, dass er alle Arten von Stilen nachahmen und adaptieren konnte. Zahlreiche Abschriften Mozarts von Kirchenmusik seiner Zeitgenossen sind erhalten geblieben; manche galten sogar lange als seine eigenen Kompositionen, da er die zum Studium angefertigten Kopien nicht mit dem Namen ihrer Urheber versehen hat. Mit dem Verlassen des Salzburger Hofdienstes im Jahr 1781 kommt die bis dahin reiche Produktion an Kirchenmusik allerdings zunächst zum Erliegen: Mit dem Klavierkonzert und der Oper stellen sich in Wien neue Herausforderungen, die Mozarts Kräfte binden. Die kirchenmusikfeindlichen Reformen Josephs II. mögen das ihrige dazu beigetragen haben. Bezeichnenderweise bleibt die c-Moll-Messe KV 427, das größte kirchenmusikalische Werk der ersten Wiener Jahre, unvollendet – doch auch Joseph Haydn hat zwischen 1782 und 1796 keine einzige Messe komponiert. Die letzte Lebenszeit zeigt wieder eine Hinwendung zur Kirchenmusik: Mozart bewirbt sich mit Erfolg um die Nachfolge des todkranken Leopold Hoffmann als Kapellmeister am Stephansdom, doch kann er die Stelle nicht antreten, da er noch vor Hoffmann stirbt. Ein Kleinod wie das Ave verum KV 618, das Mozart im Juni 1791 für den Chorregenten Anton Stoll in Baden bei Wien aus Gefälligkeit schrieb und das Fragment des Requiem KV 626 lassen ahnen, was Mozart als Kirchenkomponist hätte leisten können, wäre er auch nur einmal in eine verantwortlichere Position gelangt. Mozart im Gottesdienst und im Konzertsaal Mozart ist ein Kind seiner Zeit und die lebensbejahende Pracht seiner Kirchenkompositionen ist auf die lichtdurchfluteten, in Weiß und Gold strahlenden Kirchenbauten des süddeutsch-österreichischen Barock abgestimmt. Dur-Tonarten, der Klang von Pauken und Trompeten, rasche, doch nie überzogene Tempi sind äußere Zeichen dieser Lebenshaltung. Eine Besonderheit der süddeutsch-österreichischen Musik ist das sogenannte Kirchentrio: Die Begleitung besteht nur aus zwei Violinen und Basso continuo, die Viola wird ausgespart; die zweite Violine wird daher in der Regel selbständiger und in tieferer Lage als gewöhnlich geführt. Die meisten der Kirchenkompositionen waren für die Aufführung im Salzburger Dom bestimmt. Dort sind sie mit großem Orchester, professionellen männlichen Sängern (Frauen waren als Ausführende auch für die Sopran- und Altpartien nicht zugelassen), drei Posaunen zur Verstärkung der tieferen Chorstimmen und zwei Orgeln von den vier Emporen, die die Vierung umrahmen, mit einzigartiger Wirkung erklungen. Dieselben Werke wurden aber auch in der Stiftskirche St. Peter mit einem nach Zahl und Vermögen der Aufführenden bescheidenen Ensemble zur Aufführung gebracht. Beliebt waren Mozarts Kompositionen im Stift zum Heiligen Kreuz in Augsburg, aber auch in den österreichischen und bayerischen Wallfahrtsorten und Klosterkirchen in der näheren und weiteren Umgebung Salzburgs. Mozarts Kirchenmusik steht – wie die seiner Zeitgenossen Joseph und Johann Michael Haydn – gewiss in Kontrast zum Ernst des Palestrina-Stils oder zur protestantischen Kirchenmusik eines Johann Sebastian Bach. Doch stand ihm bei Bedarf das ganze Repertoire kontrapunktischer Satztechniken zu Gebote, wie die fugierten Sätze, etwa das „Pignus futurae“ der Sakramentslitanei KV 125 oder das Kyrie des Requiem zeigen. Seine Zeitgenossen haben sich an der eingängigen Melodik der Kirchenstücke erfreut; selbst in Klöstern hat man Stücke aus seinen Opern mit lateinischen Texten versehen. Um 1820 war bereits ein großer Teil seiner Kirchenmusik im Druck erschienen. Spätere Generationen haben Mozart dann in ihrem Kampf um die einzig „wahre Kirchenmusik“ den nötigen Ernst und mit Hinweis auf seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge eine echte Verwurzelung im Katholizismus abgesprochen – sicherlich zu Unrecht, denn die Freimaurerloge diente Mozart in erster Linie zur Pflege sozialer Kontakte (und sicherte ihm manches Darlehen von Logenbrüdern), und von Oberflächlichkeit und fehlendem Engagement kann nicht die Rede sein. Durch die strikte Befolgung der liturgischen Texte, die vollständig und
ohne eigenmächtige Eingriffe wiedergegeben sind, sowie den überschaubaren
Aufführungsapparat steht einer Verwendung von Mozarts Messen im Gottesdienst
nichts im Wege. Dabei kann sich gerade die Kürze der Missae breves in unserer
schnelllebigen Zeit als Vorteil erweisen. Leider fehlen heute oft die Mittel,
um auch Vespergottesdienste und Andachten mit großer Kirchenmusik auszustatten,
sodass manche seiner schönsten Kirchenkompositionen weitgehend unbekannt
sind. Hierzu zählen die Vespern und Litaneien, die sich im 18. Jahrhundert
besonderer Beliebtheit erfreuten. Sie würden es ebenso wie die Kantate
Davide penitente, die aus der unvollendeten c-Moll-Messe hervorgegangen ist,
verdienen, wenigstens in Kirchenkonzerten verstärkt aufgeführt zu
werden, wie dies für das Requiem oder die Motette Exsultate jubilate seit
langem gilt. Der Theologe Karl Barth hat einmal das geflügelte Wort geprägt,
dass die Engel im Himmel vor Gottvater Bach spielen würden, wenn sie aber
ganz unter sich seien, lieber Mozart. Auf Erden sieht es wohl kaum anders aus.
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