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„Ein Lulli wird gerühmt; Corelli läßt sich loben; Nur Telemann allein ist übers Lob erhoben“, reimt Johann Mattheson 1740 in seiner „Grundlage einer Ehrenpforte“, in der Telemann neben anderen prominenten Musikern der Zeit mit einer ausführlichen Lebensbeschreibung aus eigener Feder vertreten ist. In der Tat: um Anerkennung brauchte sich der hier in epigrammatischer Zuspitzung als Vollender der Musik Frankreichs und Italiens, Lullys und Corellis, gepriesene Hamburgische Musikdirektor in jenen Jahren weniger denn je zu sorgen. Seine Führungsrolle im nord- und mitteldeutschen Musikleben war unumstritten, als Komponist stand er auf der Höhe des Erfolges. Längst war sein Ruhm über die Landesgrenzen hinaus gedrungen; seine Druckwerke wurden in ganz Europa subskribiert; 1737/38 hatte er bei einem mehrmonatigen Paris-Aufenthalt Triumphe gefeiert. Dass ihm die Erfolge seiner Musikerlaufbahn nicht zu Kopfe stiegen und dass sie ihm nicht in den Schoß gefallen waren, sondern vielmehr zu einem nicht geringen Teil auf Fleiß und Stetigkeit, Zielstrebigkeit und Umsicht beruhten, wird auf sympathische Weise aus seinen Autobiographien deutlich. Diese Darstellungen, neben der bereits erwähnten, 1740 in Matthesons „Ehrenpforte“ gedruckten, eine ähnlich ausgiebige, ebenfalls für Mattheson verfasste Lebensbeschreibung aus dem Jahre 1718 und ein knapper Abriss für Johann Gottfried Walthers „Musicalisches Lexicon“ (1732), sind die Hauptquellen für Telemanns Lebensgeschichte bis gegen 1740. Die wichtigsten Stationen dieses Lebens sind: Magdeburg, wo Telemann am 14. März 1681 Telemann wechselt vom Magdeburger Gymnasium nach Zellerfeld über – und musiziert und komponiert weiter –, und von hier 1697 oder 1698 an das Andreanum in Hildesheim, wo er alsbald die Schuldramen des Rektors Lossius mit Musik versieht und die Leitung der Kirchenmusik des Klosters St. Godehard übernimmt. 1701 immatrikuliert er sich, wiederum von der Mutter beschworen, sich von der Musik abzuwenden, mit guten Vorsätzen an der Leipziger Universität als Jurastudent. Aber nach kurzer Zeit wird er „rückfällig“ und entscheidet sich endgültig für die Musik. Nun schreibt er, im Wechsel mit Bachs Amtsvorgänger Johann Kuhnau (1660–1722), Kantaten für die Thomaskirche, gründet ein vokal-instrumentales Collegium musicum, übernimmt kurz darauf die Leitung der Leipziger Oper und wenig später auch noch die Funktion eines Musikdirektors der Neukirche. 1705 folgt er einer Berufung auf den Hofkapellmeisterposten des Grafen von Promnitz in Sorau (Lausitz). Zwei Jahre später finden wir ihn als Kapellmeister am Eisenacher Hof. 1712 übernimmt er das Amt des Musikdirektors der Stadt und die Kapellmeisterstelle der Barfüßerkirche in Frankfurt am Main, und bald darauf leitet er auch hier wieder ein Collegium musicum. 1721 schließlich folgt er einem Ruf nach Hamburg, wo er wiederum Gelegenheit hat, als Opernkomponist tätig zu werden, und tritt hier das Amt des Kantors am Johanneum und Musikdirektors der Hansestadt und ihrer fünf Hauptkirchen an, das er bis zu seinem Tode am 25. Juni 1767 verwaltet. Telemanns überaus reiches kompositorisches Schaffen, der Ertrag eines Dreivierteljahrhunderts, umfasst nahezu alle Gattungen der Musik und reicht vom kleinen Cembalostück über Kammersonaten unterschiedlichster Anlage und Besetzung bis hin zu Konzert und Orchestersuite und, im vokalen Bereich, vom Generalbasslied über Kammer- und Kirchenkantate bis zum Oratorium und zur Oper. Allenthalben in seinem Werk zeigt sich Telemann als ein fortschrittlicher, dem Neuen aufgeschlossener und experimentierfreudig nach neuen Wegen suchender Komponist; nicht zu Unrecht hat man ihn einen Wegbereiter der Klassik genannt. Indes macht das kompositorische Wirken nur einen Teil seiner musikgeschichtlichen Bedeutung aus: Als Musikverleger, als Autor didaktisch ausgerichteter Publikationen („Singe-, Spiel- und Generalbassübungen“; „Methodische Sonaten“ mit Verzierungsbeispielen), als Leiter bürgerlicher Musikvereinigungen und Initiator öffentlicher Konzerte hat er wesentlich an der Schaffung auch der äußeren Voraussetzungen für die folgende, vom musikalisch gebildeten Bürgertum getragene Epoche der Musik mitgewirkt. Die neue Epoche hat Telemann allerdings rasch vergessen. Für das 19. Jahrhundert, das die Musik Bachs wiederentdeckte, verschwanden Telemanns Musik und seine historischen Verdienste ganz hinter der allesüberragenden Gestalt des Thomaskantors. Eine Wende bahnte sich erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im Zuge der allgemeinen Renaissance der Alten Musik an. Das Interesse galt zunächst vornehmlich der Kammermusik, wandte sich bald aber auch den übrigen Bereichen des Telemannschen Œuvres zu. Dabei hat die Kirchenmusik als letzte begonnen, sich aus dem Schatten Bachs zu lösen. Es scheint, dass die Zeit erst reif werden musste für die Erkenntnis, dass Telemanns Musik nicht mit Bachschen Maßstäben gemessen werden darf und dass sich in den Kirchenkompositionen Bachs und Telemanns zwei bei mancherlei äußerer Übereinstimmung doch in ihren Grundlagen verschiedene Ansätze verwirklichen. Der noch in spätmittelalterlichen theozentrischen Anschauungen verankerten Musica sacra Bachs steht bei Telemann eine Kirchenmusik aus dem Geist der beginnenden Aufklärung gegenüber, aus einem Weltbild, das den Menschen zum Maß und Mittelpunkt nimmt, Musik, die sich an eine breite, übergemeindliche Öffentlichkeit richtet und eine mehr und mehr säkularisierte Welt in deren eigener musikalischer Sprache – mit all ihren Möglichkeiten und Grenzen – anzusprechen sucht. Telemann selbst hat der Kirchenmusik in seinem Schaffen eine zentrale Rolle zugewiesen. „Dieses aber weiß [ich] wol / daß ich allemahl die Kirchen-Music am meisten werth geschätzet / am meisten in anderen Autoribus ihrentwegen geforschet / und auch das meiste darinnen ausgearbeitet habe“, schreibt er in seiner Autobiographie von 1718 und erwähnt dann das bis dahin Geschaffene: Neben einer offenbar beträchtlichen Anzahl „Communion- und Nachmittags-Stücke / Missen / Psalmen / Arietten u.s.w.“ sind es fünf vollständige und zwei nahezu fertige Kantatenjahrgänge – insgesamt müssen es damals bereits mehr als 500 Kirchenkompositionen gewesen sein; und wohl mehr als 1000 sind in den fast fünfzig Schaffensjahren, die Telemann noch beschieden sein sollten, hinzugekommen. Vieles davon ist untergegangen; doch auch das Erhaltene ist bislang kaum zu überblicken. Klaus Hofmann
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