September 2019

Favorite work of September 2019

Jeden Monat stellt Ihnen ein Carus-Mitarbeiter, Herausgeber oder Partner eines seiner Lieblingsstücke vor, sei es eine Choredition, eine CD-Aufnahme, ein Liederbuch oder eine Orgelausgabe. Der Beitrag im September 2019 kommt von Frieder Bernius.

 

Heinrich Schütz: Wo der Herr nicht das Haus bauet, aus: Symphoniae Sacrae III SWV 400

 

Ein Lieblingswerk von Heinrich Schütz? Das müsste wohl unter den Werken zu finden sein, die Schütz selbst "von heutiger Manier der Composition" und "de Musica Moderna" bezeichnet hat: seine Symphoniae sacrae "tertia pars", 1650 veröffentlicht, in denen er seine aus Italien mitgebrachten Impulse zum unbestreitbaren Glanzpunkt deutschsprachiger Musik des 17. Jahrhunderts geformt hat. Aus seiner über lange Jahre zusammengefassten Sammlung ist mir jedes Werk so sehr ans Herz gewachsen, dass es eine Qual der Wahl ist, sich für ein einziges entscheiden zu müssen, so wie es unmöglich und unstatthaft wäre, unter seinen Kindern eines hervorzuheben.

 

Als ich die dritte Vertonung unter ihnen, "Wo der Herr nicht das Haus baut...", SWV 400, eine Vertonung des 127. Psalms, zum ersten Mal sah, war ich sprachlos über die Fülle der harmonischen, metrischen, rhythmischen und rhetorischen Details dieser Partitur. Das sollte derselbe Komponist sein, der vorrangig durch brave singbewegte, interpretationstraditionelle Motettenaufführungen sein "Image" gewonnen hatte, was mir lange Zeit den Zugang zu ihm erschwert hat?

 

Dagegen hier: konzertierender Stil eines zwei- bis dreistimmigen, solistischen Favoritchors, instrumental und vokal aufs Feinste miteinander verflochten, ebenso subtilste semantische Beziehungen beim Cornetto-Ruf des Wächters, den rhetorischen Pausen nach "umsonst", der fast zwei Oktaven langen Skala auf das Wort "lange", chromatisch ansteigende Harmonien (über gis-Moll!) zu "mit Sorgen euer Brot essen", piano verklingende Unisoni auf "gibt er's schlafend", rhythmisch wiegende Melismen auf "Kinder", rasende, einander jagende Koloraturen zu den "Pfeilen in der Hand eines Starken".

 

Eingeleitet wird das Werk durch eine Symphonia, in welcher der ganze instrumentale Klangfarbenreichtum - Violinen, Zinken sowie Gamben als instrumentalem Complementchor ad libitum - vor den imitatorisch duettierenden Gestus der beiden Soprane gestellt wird, die deren erste rhetorische Figuren - Melismen für "bauen" und sisiphusartige Motivwiederholungen für "umsonst" -wiederaufnehmen. Die Instrumente spielen aber nicht nur vor, sondern geben ebenso ausdrucksvolle Kommentare ab wie zum "Essen des Brotes mit Sorgen". Der Vielfalt ist aber noch kein Ende: ein vokaler Complementchor, räumlich zum instrumentalen getrennt aufstellbar, verstärkt den Favoritchor mit dem forte gesungenen ersten Teil der Phrase "Denn seinen Freunden giebet er's", die der Favoritchor mit immer länger werdenden Notenwerten auf dem Wort "schlafend" beschließt. Und auf dem abschließenden Höhepunkt des Werkes, "Wohl dem, der seine Köcher derselben voll hat", verschränken sich alle Gruppen, höchst kunstvoll gemeinsam deklamierend als auch im Einanderzuwerfen syllabisch wie melismatisch textierter Phrasen.

 

Welches Werk bietet mehr? Der kurz vor der Veröffentlichung der Sammlung verstorbene Claudio Monteverdi wäre wohl selbst erstaunt gewesen über diese kongeniale "teutsche" Adaption der "seconda prattica".

 



 

Frieder Bernius zielt bei seiner Arbeit als weltweit gefragter Dirigent auf einen am Originalklangideal orientierten und zugleich unverwechselbar persönlichen Ton, egal ob bei den Vokalwerken von Monteverdi, Bach, Händel, Beethoven, Schütz oder Ligeti, den Schauspielmusiken von Mendelssohn oder den Sinfonien von Haydn und Schubert. Bernius leitete nicht nur die Gesamteinspielung der geistlichen Vokalmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy und viele weitere Einspielungen verschiedenster Komponist*innen, sondern ist auch Herausgeber von Noteneditionen des Carus-Verlags, nicht zuletzt von Mozarts Missa in c KV 427.