Juli 2015

LieblingsStück im Juli 2015

 

 

Jeden Monat stellt Ihnen ein Carus-Mitarbeiter eines seiner Lieblingsstücke vor, sei es eine Choredition, eine CD-Aufnahme, ein Liederbuch oder eine Orgelausgabe. Der Beitrag im Juli 2015 kommt von Dr. Tobias Rimek.


 

Johann Bach (zugeschrieben): Unser Leben ist ein Schatten

Meine Beziehung zu der Motette „Unser Leben ist ein Schatten“ reicht bis in meine Schulzeit, meine Zeit im Windsbacher Knabenchor zurück. Als ich das Werk damals zum ersten Mal gehört und gesungen habe, zog mich dessen Stimmung und Atmosphäre sofort in ihren Bann. Es war eine Initialzündung für meine Beschäftigung mit und bis heute andauernde Begeisterung für die „Alte Musik“.

Die Motette entstammt der Sammlung „Alt-Bachisches Archiv“ aus der Notenbibliothek Johann Sebastian Bachs, die nach seinem Tod in den Besitz seines zweitältesten Sohnes Carl Philipp Emanuel überging. Schließlich gelangte das Konvolut in den Bestand der Singakademie zu Berlin, wo sie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zunächst verloren ging. Nach ihrer spektakulären Wiederentdeckung 1999 in Kiew konnte das Manuskript 2001 wieder nach Berlin zurückkehren.

 

In der Quelle wird die Motette Johann Bach (1604–1673) zugeschrieben. Die Echtheit ist jedoch umstritten. In der Forschung wird auch Johann Michael Bach (1648–1694) als möglicher Autor ins Spiel gebracht. Der Komponist – wer auch immer dies war – hat ein Werk mit einer faszinierenden und unglaublich plastischen Tonsprache geschaffen. Für besondere klangliche Effekte sorgt die 9-stimmige Besetzung, bestehend aus zwei Chören, den ersten Chor zu sechs Stimmen und den zweiten „Chorus latens“ bzw. Fernchor zu drei Stimmen. Gleich zu Beginn zeigt sich die Meisterschaft des Komponisten in der musikalischen Textausdeutung. Dem gravitätisch im tiefen Register vorgetragenen „Unser Leben“ wird kontrastreich „ist ein Schatten“ gegenübergestellt, indem die Soprane bildhaft in raschen Melismen über dem Wort „Schatten“ nach oben steigen. Ein weiteres Highlight ist der nicht nur textlich, sondern auch musikalisch eindringliche und atmosphärisch dichte Choral „Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig ist der Menschen Leben“. Wahrhaft „flüchtig“ ist auch das Ende der Motette: Die letzte Phrase „müssen alle davon“ wird mehrfach wiederholt und immer mehr beschleunigt, während am Ende sinnfällig alle Stimmen schweigen und nur die beiden Soprane ein letztes Mal „davon“ singen. Darauf verstummen auch diese in einer Generalpause.

 

Ich finde, dass kaum ein musikalisches Werk den „Geist“ des Barock, insbesondere in der von Vergänglichkeit und zugleich Hoffnung geprägten Phase des Dreißigjährigen Krieges so ästhetisch und eindrucksvoll wie „Unser Leben ist ein Schatten“ vermittelt.

 

Weitere Werke der älteren Bach-Familie finden Sie hier


 


 

Dr. Tobias Rimek ist als Lektor im Carus-Verlag tätig, wo er beim Editions-Projekt Bach vocal mitarbeitet. Seine unlängst bei Carus erschienene Dissertation ist dem mehrstimmige Repertoire der Benediktinerabtei St. Ulrich und Afra in Augsburg gewidmet.

 

 

Johann Bach: Unser Leben ist ein Schatten

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Partitur