November 2015

LieblingsStück im November 2015

https://carusmedia.com/images-intern/medien/img/lieblingsstuecke/wv_web.jpg Jeden Monat stellt Ihnen ein Carus-Mitarbeiter eines seiner Lieblingsstücke vor, sei es eine Choredition, eine CD-Aufnahme, ein Liederbuch oder eine Orgelausgabe. Der Beitrag im November 2015 kommt von Walter Väth.

 

Max Reger: Acht geistliche Gesänge op. 138

Die erste Begegnung mit Max Reger machte ich an der Orgel mit seinen ausladenden Choralphantasien und fand seine Musik zunächst schwulstig und schwer, dann wuchtig und expressiv, schließlich überdimensional - nur eben nicht gerade schlicht. Wer Reger von seinen Orgelwerken her kennt, ist an Notenseiten gewöhnt, die aus der Ferne schwarz wirken – so viele Noten, dynamische Zeichen und Akziedentien finden sich auf jeder einzelnen Seite. Umso auffälliger ist der Kontrast zu den Werken, die Reger in seinen letzten (leider frühen) Lebensjahren komponiert; sicher gibt es noch monumentale Orgelwerke, große Orchesterstücke (man denke an sein Klavierkonzert op. 114), aber auch unerwartet heitere und bewusst einfacher gehaltene Musik, so z.B. die Telemann- und Mozartvariationen. In diese späte und späteste Phase in Regers Leben fallen auch die Acht geistlichen Gesänge op. 138 , die schon im Notenbild einen unerwartet schlichten Reger versprechen und diesen dann auch auf überraschende Weise einlösen. Einzig das ppp zu Beginn von "Der Mensch lebt und bestehet" deutet noch auf den exzessiven Dynamikgebrauch Regers hin, der sonst so typische Ausbruch ins più fff unterbleibt jedoch zugunsten einer neuen Schlichtheit, die sich nicht nur in der Dynamik sondern auch in der formalen und harmonischen Anlage durch eine unerwartete Zurücknahme auszeichnet. Dass der Katholik Reger zeitlebens ein großer Bewunderer des protestantischen Chorals war, wird häufig mit seinen zahlreichen Choralbearbeitungen für Orgel in Verbindung gebracht. Was Reger aber in den Acht geistlichen Gesängen komponiert, ist nur streckenweise an protestantische Vorbilder angelehnt; am deutlichsten wird der Bezug im Schlachtgesang und im Morgengesang , beide mit vielen Durchgängen und Achtelbewegungen in den Begleitstimmen komponiert, die allesamt an den von Reger so sehr bewunderten Bach erinnern. Doch niemals ist Reger in diesen Werken epigonal, sondern kann trotz der neuen Schlichtheit die für ihn charakteristische Harmonik beibehalten. Andere "Choräle" aus den geistlichen Gesängen sind für Doppelchor komponiert und erscheinen trotzdem niemals wuchtig, sondern innig und bescheiden. Diese Wirkung resultiert auch aus dem pianissimo , das Reger an das Ende eines jeden Stücks schreibt. Erstaunlich auch, dass der Kontrapunktiker Reger hier häufig mit blockartigen Einschüben und größeren Melodiebögen arbeitet und dafür den Satz schlicht belässt.

 

Allen Stücken gemein ist eine berührende Fragilität, die umso inniger erscheint, wenn man bedenkt, dass Reger diese Stücke nach dem Beginn des ersten Weltkriegs komponierte und erst nach dessen Ende veröffentlichen wollte, das er allerdings schon nicht mehr selbst erlebte, weshalb sein Verleger die Stücke in Regers Todesjahr 1916 publizierte. Dass nun im kommenden Regerjahr 2016 sich auch das Kompositionsjahr der Acht geistlichen Gesänge zum hundertsten Mal jährt, ist nur einer von vielen Gründen, in den Gesängen den "späten" und doch viel zu jung verstorbenen Komponisten zu entdecken, der mit dieser Komposition beweist, dass er auch – oder gerade – bescheiden meisterlich und berührend komponieren konnte.

 

Die Expressivität, die der späte Reger durch den schlichten Stil erreicht, stellt die Stücke in einen hochinteressanten Kontrast zu den ebenfalls auf der CD eingespielten Motetten, die einige Jahre zuvor entstanden und den "schweren" Reger präsentieren.

 


 

Walter Väth studiert an der Universität Tübingen Musikwissenschaft und Germanistik und arbeitet seit November 2014 als Werkstudent im CD-Label des Carus-Verlags.

Reger: Acht geistliche Gesänge

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Partitur