Oktober 2014

LieblingsStück im Oktober 2014

 

Jeden Monat stellt Ihnen ein Carus-Mitarbeiter eines seiner Lieblingsstücke vor, sei es eine Choredition, eine CD-Aufnahme, ein Liederbuch oder eine Orgelausgabe. Der Beitrag im Oktober 2014 kommt von Earl Rosenbaum.

 

 

Beethoven, Messe in C-Dur op. 86

 

Beethovens Messe in C-Dur, op. 86 wurde Anfang des Jahres 1807 von Prinz Nikolaus Esterházy II in Auftrag gegeben, um den Namenstag seiner Ehefrau, Prinzessin Maria Hermenegild, zu feiern. Beethoven war sich der großen Bedeutung dieses Auftrages durchaus bewusst, hatte doch sein Vorgänger Joseph Haydn, der viele Jahre beim Bruder des Prinzen, Nikolaus I. am Hof in Eisenstadt angestellt war, zuvor schon sechs große Messen zu dem gleichen Anlass komponiert. In einem Brief vom 26. Juli 1807 äußerte Beethoven denn auch seine Bedenken dem Prinzen gegenüber: ,,... darf ich noch sagen, daß ich ihnen mit viel Furcht die Messe übergeben werde, da sie D.[urchlauchtigster] F.[ürst] gewohnt sind, die Unnachamlichen Meisterstücke des Großen Haidns sich vortragen zu laßen“

Ich persönlich schätze die Messe aufgrund ihrer Lebendigkeit, der Vielzahl von verschiedenen Themen und den gewissen persönlich-dramatischen Ausdruck, der Prinz Esterházy vielleicht gestört haben könnte, war er doch eher den repräsentativen Rahmen der Haydn-Messen gewohnt. Die Erhabenheit von Haydns Messen, gepaart mit ihrer inneren Energie, ließen den Prinzen vielleicht unvorbereitet auf die direkte Art, mit der Beethovens Messe beginnt: Das Kyrie eröffnet mit einem aufsteigenden Motiv im Chor (ein Thema, das im ,,Dona nobis pacem“ am Ende der Messe wiederkehrt), gefolgt von den Solisten, die den Kyrie-Ruf in einem sorgenvollen Tonfall aufgreifen. Diese Art von Spannungsaufbau macht dieses Werk zu einem meiner Lieblingsstücke. Das Gloria beginnt, ebenso wie das Ende seines Gegenstücks in der Missa Solemnis, mit einem jubelnden ,,Gloria“-Ruf. Die Anspanung wächst, wenn vokale und instrumentale Partien aufeinander treffen, eingeleitet durch einen Tempo-Wechsel, mit der ,,Qui-tollis”-Passage des Alt-Solos, gefolgt von der in Oktaven klingenden, gewaltigen Gestaltung des ,,Qui sedes“ im Chor, welches von den Akzenten der Pauken noch betont wird – diese großen Kontraste entfalten sich gleich einem musikalischen Drama. Natürlich geben sowohl die Texte des Glorias als auch der des Credos reichlich Gelegenheit zur Ein- und Durchführung mehrerer Themen – auch ein Aspekt, der mich an dieser Messe anspricht, obwohl diese Themenvielfalt natürlich auch in den Messvertonungen von Haydn zu finden ist. Doch für mich unterscheidet sich Beethovens Namenstags-Messe duch ihre Emphase und ihre Nachdrücklichkeit. Das Gloria in Beethovens Vertonung schließt wie üblich mit der Fuge des ,,Cum Sancto Spiritu“; deren Energie und Intensität fesselten mich schon als ich die Messe zum ersten Mal in einem Konzert hörte.

Eine komplette Besprechung der Messe ist hier leider nicht möglich, aber sie ist voller solcher spannender und aufregender Momente (zum Beispiel wie Männer- und Frauenstimmen sich aufgeregt mit dem Wort ,,miserere“ aus dem ,,miserere nobis“ im Agnus Dei abwechseln und somit Angst einflößen, ob dieses letzte Flehen auch erhört wird). In der Messe in C von Beethoven gibt es viele solcher Augenblicke, darüber hinaus eine Fülle von Kontrasten, Dramatik und Vielfältigkeit, die mich immer wieder inspiriert. Das Werk ist für ein mittelgroßes Orchester gedacht und eignet sich sehr gut als Kernstück für jeglichen festlichen und feierlichen kirchlichen Anlass. In einem Konzert würde es sich sehr gut ergänzen mit einem der Werke von Cherubini, wie zum Beispiel seinem Credo a 8 voci oder Sciant gentes, das in ähnlicher Besetzung aufgeführt werden kann. Die Messe in C-Dur ist mit dem kompletten Aufführungsmaterial in einer neuen kritischen Edition erhältlich, herausgegeben von dem bekannten Beethoven-Experten Ernst Herttrich. Ebenso erhältlich ist eine Aufnahme der Messe mit renommierten Solisten, dem Kammerchor Stuttgart sowie der Hofkapelle Stuttgart unter der Leitung von Frieder Bernius.

 



Earl Rosenbaum arbeitete über 20 Jahre im Lektorat des Carus-Verlages. Auch im Ruhestand ist er sowohl ein enthusiastischer Chorsänger als auch ein leidenschaftlicher Opern-Gänger.

 

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