Oktober 2015

LieblingsStück im Oktober 2015

Jeden Monat stellt Ihnen ein Carus-Mitarbeiter eines seiner Lieblingsstücke vor, sei es eine Choredition, eine CD-Aufnahme, ein Liederbuch oder eine Orgelausgabe. Der Beitrag im Oktober 2015 kommt von Sabine Bock.

 

 

Gabriel Fauré: Requiem op. 48

Die erste Begegnung mit dem Requiem von Gabriel Fauré hatte ich als Teenager bei einer „Mugge“ zusammen mit anderen Instrumentalisten meines damaligen Jugendsinfonieorchesters. Ich erinnere mich noch gut an meine anfängliche Überraschung darüber, dass wir tiefen Streicher allein zur ersten Probe erschienen (eine Solo-Violine kam später dazu) und dass sowohl Bratschen als auch Celli zweigeteilte Stimmen zu spielen hatten. Die dunkle, warme Klangfarbe, die Fauré hier erzeugt, hat mich sofort in ihren Bann gezogen und lässt noch heute mein „Celloherz“ höher schlagen.

 

Gabriel Fauré komponierte sein berühmtes Requiem im Alter von 42 Jahren und nach eigenem Bekunden ohne konkreten Anlass. Die Erstfassung wurde am 16. Januar 1888 in der Pariser Kirche Ste. Madelaine uraufgeführt, an der Fauré damals Chorleiter war. Das Requiem umfasste zunächst nur 5 Sätze („Introït et Kyrie“, „Sanctus“, „Pie Jesu“, „Agnus Dei“ und „In paradisum“) und war recht klein besetzt mit gemischtem Chor, einer Solostimme im „Pie Jesu“, tiefen Streichern (Violine nur solistisch im „Sanctus“), Harfe, Pauke und Orgel.

 

In den folgenden Jahren erlebte das Werk mehrere Umarbeitungen und Erweiterungen. 1889 hatte es mit den beiden neu hinzugefügten Teilen „Offertoire“ und „Libera me“ (beide mit Baritonsolo) bereits jene 7-sätzige Gestalt angenommen, in der wir es heute kennen. Bis 1894 kamen nach und nach Bläserstimmen (2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen) hinzu, die Fauré – anstatt eine neue Partitur anzufertigen – in die Leersysteme seines Autographs der Erstfassung notierte. 1898 gab Fauré schließlich dem wiederholten Drängen seines Verlegers nach, das Requiem in einer gängigeren Orchesterbesetzung vorzulegen. Bei dieser letzten Umarbeitung wurden die Bläser um je 2 Flöten und Klarinetten erweitert und Violinen nun auch in „Agnus Dei“ und „Libera me“ eingesetzt. Die sinfonische Fassung wurde 1900 erstmals aufgeführt (u. a. im Rahmen der Pariser Weltausstellung) und erschien 1901 im Druck.

 

Das Werk war schon zu Lebzeiten des Komponisten erfolgreich und seine Beliebtheit hat bis heute nicht nachgelassen. Das hat zum einen mit der musikalischen Qualität zu tun, dem melodischen Reiz der Chor- und Solopartien sowie der raffinierten Behandlung des Orchesters, dessen sukzessive Erweiterung nicht in erster Linie zu mehr Volumen, sondern zu einer Ausdifferenzierung der Klangfarben geführt hat. Zum anderen macht Fauré hier etwas Ungewohntes: Er verzichtet auf gattungstypische Dramatik und die donnernden Posaunen des Jüngsten Gerichts zugunsten einer tröstlichen Grundhaltung. Dazu passt, dass er nicht den gesamten Text der Totenmesse vertont. Die Sequenz „Dies irae“ hat er mit Ausnahme des letzten Verses „Pie Jesu“ ausgelassen. Dafür ergänzt er am Schluss das „In paradisum“, das nicht Bestandteil der Totenmesse, sondern eigentlich für das Geleit des Sarges auf den Friedhof gedacht ist. Das Werk endet mit diesem friedvollen, von Harfe begleitetem Engelsgesang. Nicht Todesschrecken, Strafgericht und Fegefeuer stehen im Mittelpunkt, sondern die Hoffnung auf Erlösung im Jenseits.

 


 

Sabine Bock arbeitet seit 2001 im Lektorat des Carus-Verlags, wo sie vor allem Sammlungen (Chorbücher, Publikationen rund um das neue Gotteslob) und Werke zeitgenössischer Komponisten betreut. In ihrer Freizeit musiziert die passionierte Hobbycellistin in Sinfonieorchester und Celloquartett.