Vivaldi – aufgrund seiner roten Haare „il prete rosso“ (der rote Priester) genannt – war als Seelsorger im „Ospedale della Pietà“, einem Waisenhaus mit angeschlossener Musikschule in Venedig, tätig. Viele seiner Kompositionen hat er für die Schüler dieses Hauses geschrieben – so auch das zwischen 1713 und 1717 entstandene Credo, seine einzige authentische eigenständige Komposition des großen Glaubensbekenntnisses. Das ca. zehnminütige Stück ist für vierstimmigen Chor, Streicher und Basso continuo geschrieben und in vier Teile untergliedert: Credo – Et incarnatus – Crucifixus – Et resurrexit, wobei die beiden Rahmensätze motivisch und von der Satzart her eng korrespondieren. Während das im Adagio gehaltene „Et incarnatus“ von viel Chromatik geprägt ist, wirkt das „Crucifixus“ durch zwei kompositorische Charakteristika: einem signifikanten Kopfmotiv und einer durchgehenden Folge von Achteln mit Achtelpause im Bass, die Kreuzigung und Grablegung eindrücklich darstellen.
Credo-Vertonungen für jeden Chor
Seit dem 14. Jahrhundert gehört das Credo zum Zyklus des Ordinarium Missae, in dem diejenigen Messgesänge zusammengefasst sind, die hinsichtlich Text und Platzierung im Gottesdienst stets gleichbleiben: Kyrie – Gloria – Credo – Sanctus (mit Benedictus) – Agnus Dei. Vor allem in den Vertonungen der Klassik und Romantik (z. B. von Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Gounod, Bruckner und Puccini) sind die Credo-Vertonungen allein schon aufgrund der Textmasse sehr umfangreich und musikalisch differenziert gestaltet. Das Credo bleibt bis heute eine Aufforderung zur künstlerischen Auseinandersetzung. Das gilt auch für eine Reihe von isolierten Einzelvertonungen des Credo, so z.B. von Antonio Vivaldi.
Prof. Dr. Stefan Klöckner, ausgewiesener Experte für Gregorianik und Liturgik, stellt Ihnen zehn Credo-Vertonungen unterschiedlicher Epochen und Stile vor. Feiern Sie mit uns 1700 Jahre christliches Glaubensbekenntnis!
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Antonio Vivaldi: Credo
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Jan Dismas Zelenka: Missa Gratias agimus tibi
Der Böhme Zelenka war einer der unkonventionellsten Komponisten des Hoch-barock; die meiste Zeit seines Lebens und Wirkens verbrachte er in Dresden, wo er für die dortige Hofkirche zahlreiche geistliche Werke schrieb. Die „Missa Gratias agimus tibi“ entstand 1730. Sie ist für eine umfangreiche Besetzung geschrieben: sechs Vokalsoli, vierstimmig gemischten Chor und Orchester. Das ca. siebenminütige Credo ist viersätzig und bringt den Text in knapper, aber sehr prägnanter Form. Nach einem lebhaften ersten Teil folgt ein Solistenterzett („Et incarnatus“), dem sich eine außergewöhnliche Alt-Arie in D-Dur (!) anschließt: das „Crucifixus“, dessen Innigkeit in manchem an Händels bekannte Arien erin-nert. Wie viele Werke von Zelenka, so lohnt auch diese Komposition einen genaueren wertschätzenden Blick.
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Franz Liszt: Missa choralis
Liszt schrieb diese Messe 1865 in Rom, wo er sich nach einer großen persönlichen Krise und Wende in seinem Leben intensiv mit Gregorianischem Choral befasste und auf die niederen Weihe (Subdiakonat) vorbereitete. Die Missa choralis für vier- bis sechsstimmigen Chor sowie Soli und Orgel ad libitum ist eine von fünf Messkompositionen, die Liszt hinterlassen hat; sie darf als ein profilierter Versuch gelten, den Reformvorgaben des Cäcilianismus im 19. Jahrhundert gerecht zu werden. Das “Credo“ ist melodisch von der gregorianischen Intonation des Credo I geradezu durchwirkt: Immer wieder taucht dieses Motiv in der acht-minütigen Komposition auf, in der sich die Chorstimmen des Öfteren in Terzkoppeln aufteilen, was dem Chorklang sehr viel orthodox anmutende Klangfülle verleiht. Das Adagio in der Mitte des Stückes setzt bereits mit den Worten „descendit de caelis“ ein; damit wird das „Et incarnatus“ quasi nach vorne erweitert. Die Komposition ist von viel intonationsempfindlicher Chromatik geprägt – was wohl auch dazu führte, dass die Cäcilianer nach dem Tode von Franz Liszt die Missa choralis als eher ungeeignet für kirchenmusikalischen Reformen ansahen.
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Otto Nicolai: Messe in D
Die 1832 entstandene und 1844/5 umgearbeitete Messe ist für klassisches Orchester, vier Vokalsolist*innen und vierstimmigen Chor geschrieben. Dabei ist der Chorpart nicht nur musikalisch reizvoll, sondern auch für geschulte Laienchöre gut realisierbar gestaltet. Es handelt sich um eine ausgesprochen farbige Umsetzung des Messtextes – eine interessante Alternative zu den landläufig verbreiteten klassisch-frühromantischen Orchestermessen. Das Credo ist in einem Stück durchkomponiert, aber inhaltlich passend in drei Passagen („Allegro – Andante – Allegro vivace“) gegliedert. Die Stimmführung ist dabei sehr plastisch gehalten: Abstieg beim „descendit“, blockweise und von viel Chromatik geprägte Rezitation beim „Et incarnatus“ und Einstimmigkeit in tiefer Lage bei „Crucifixus“. Mit insgesamt knapp 30 Minuten Aufführungsdauer ist die Messe auch in die gegenwärtigen gottesdienstlichen Abläufe gut integrierbar.
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Thomas Gabriel: Missa mundi
Gabriel gehört zu den kreativsten Komponisten der kirchenmusikalischen Szene; er ist in vielen Musikstilen – so dem Jazz und der klassischen Kirchenmusik – zu Hause. Die Missa mundi entstand zum Weltjugendtag 2005. Die einzelnen Teile des Ordinarium Missae sind den fünf Kontinenten gewidmet; verbindendes Band ist die gregorianische Missa mundi (bzw. das Credo I). Das Credo ist Asien gewidmet und von archaisch anmutender Melodik (Pentatonik) geprägt. Der Chor teilt sich hier in zwei Funktionen: Zum einen trägt er den Text bzw. bildet mit gesungenen Vokalen eine wirkungsvolle Klangfläche; zum anderen bildet ein eigener Gemeindechor eine Brücke zur singenden gottesdienstlichen Gemeinde, die mit einzelnen Passagen des gregorianischen Credo I beteiligt wird. Mit dieser Konzeption schafft der Komponist die seltene und gelungene Verbindung zwischen verschiedenen liturgiemusikalischen Rollen.
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Knut Nystedt: Missa brevis
Die 1985 erschienene 4stg. A-capella-Komposition bedient sich einer mäßig modernen Tonsprache, die in manchen Passagen von archaisch anmutender Kirchentonalität geprägt ist. Der Text wird zumeist homophon und oft in Stimmkoppeln (z. B. Frauenstimmen/Männerstimmen) vorgetragen. Das Hinabsteigen Jesu Christi ins menschliche Fleisch wird durch das Absinken der Stimmen in die tiefstmögliche Lage dargestellt und wirkt dadurch genauso plastisch wie das folgende „Crucifixus“, in dem die Männerstimmen „marcato“ singen und somit die Hammerschläge der Kreuzigung nachahmen sollen.
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Jan Janca: Missa de Angelis
Der Tübinger Komponist und Kirchenmusiker Janca schrieb diese Messe 1979 und schuf die damals erste Vertonung eines lateinischen Messordinariums, in der sich ein vierstimmig gemischter Chor mit einstimmigem Gemeindegesang ab-wechseln. Der Komposition liegen die gregorianische Missa de Angelis (Ordinarium VIII) und das barock-gregorianische Credo III zugrunde, das hier freilich (wie Kyrie und Gloria auch) in D-Dur erklingt – und damit einen Ton höher gesetzt ist als die Fassung im aktuellen Gesangbuch GOTTESLOB. Chor und Gemeinde werden von der Orgel begleitet, die nur beim „Et incarnatus“ auf einem Akkord liegenbleibt, um den darüber erklingenden Text hervorzuheben. Die Tonsprache ist im Stil der klassischen Moderne gehalten.
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Franz von Suppè: Missa Dalmatica
Wiewohl von Suppè eher als Opern- und Operettenkomponist bekannt ist, sind von ihm doch nicht wenige kirchenmusikalische Werke überliefert. Als 16jähriger hatte er – gleichsam als Reverenz an seine dalmatinische Heimat – eine Messe geschrieben, die er 1876 noch einmal zur heute bekannten Fassung umarbeitete. Das Stück ist für dreistimmigen Männerchor (TTB), Soli (ebenfalls TTB) und Orgel geschrieben und verrät die beeindruckenden kontrapunktischen Fertigkeiten, die neben dem deutlich spürbaren musikdramatischen Ausdruck auch diese Komposition prägen, die mit fast 15 Minuten Dauer schon eine beeindruckende Länge hat. So finden sich im Credo gleich mehrere Fugato-Stellen, u.a. eine große Schlussfuge „Et vitam venturi saeculi. Amen“. Von Suppès Affinität zur Bühne zeigt sich im „Et incarnatus“ und im „Crucifixus“, wo der Komponist in einer großen Bass-Arie opernhafte Affekte gekonnt zu nutzen weiß; freilich wurde diese Nähe des Messe zum Musiktheater der Komposition auch immer wieder kritisch vorgehalten.
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Josef Gabriel Rheinberger: Messe in A
Die 1881 entstandene Messe ist für dreistimmigen Frauenchor und Orgelbegleitung geschrieben; kurze Zeit später hat Rheinberger die Komposition zu einer Orchesterfassung (Flöten, Streicher und Orgel) erweitert. Im ca. 5 ½-minütigen Credo wird weitgehend auf komplexere Satzweisen verzichtet: Der Text erklingt oft von allen Stimmen gleichzeitig vorgetragen. Das „Et incarnatus“ fällt durch unisonische Stimmführung mit einer farbig-harmonischen Orgelbegleitung auf. Rheinbergers Komposition ist klang- und wirkungsvoll und dabei zugleich nicht schwer zu realisieren – eine dankbare Abwechslung für alle Chöre, die neben Mo-zart und Haydn einmal eine andere Vertonung des Ordinarium Missae suchen.
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Francesco Durante: Et incarnatus est
Die dreistimmige Vertonung des Et incarnatus est (zwei Frauen- und eine Männerstimme mit Basso continuo) stammt aus der Messa á tre des neapolitanischen Barockkomponisten Durante und umfasst die Aussagen bis zum „passus et sepultus est“. Zu Beginn stützen die beiden Unterstimmen den Text mit der Bestätigung des Glaubens „Credo, credo“. Reizvoll ist vor allem der Tonartwechsel (g-Moll/c-Moll), durch die sich dieser Einschub vom Credo III abhebt, das ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt und den Eindruck eines reinen „C-Dur“ vermittelt. Fleischwerdung, Tod und Grablegung erhalten so eine andere Farbe.