Frieder Bernius - Lieblingskantate

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Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen BWV 146



Die Kantate BWV 146 ist weniger bekannt und die allererste Kantate, die ich 1971 selbst aufgeführt habe. Nicht nur daher ist es eine meiner liebsten Kantaten geblieben.

Wenn wir den Anfang hören, kommt es uns gleich bekannt vor: der Beginn des Cembalokonzerts in d-Moll! Was hat das mit dem Titel der Kantate, mit "Trübsal" zu tun? Oder mit dem "Eingehen in das Reich Gottes"? Bald ahnen wir, dass es nicht das Vorspiel eines Eingangschors ist, sondern eine Eingangssinfonia mit einem Orgelsolopart anstelle des Cembalo. Zweitverwertung nennt man das heute. Ist es eine zufällige Wahl? Doch könnte die Tonart d-Moll nicht auch zur "Trübsal" korrespondieren und der konzertant-rhythmische Gestus als Freude auf das "Reich Gottes" verstanden werden?

Kommen wir zum 2. Satz. Erst jetzt hören wir den Text der Kantate, vertont in g-Moll und im vierstimmigen Chorsatz, aber dieses Mal ganz ohne instrumentale Einleitung, was ungewöhnlich ist. Das Orchester unterlegt den Chorsatz mit einem unisono gespielten Thema, das uns wiederum bekannt vorkommt: Es ist der langsame Satz des Cembalo­konzerts! Eine Passacaglia, deren Thema sich ständig wiederholt und den Oberstimmen Gelegenheit gibt, auf dem gebrochenen Dominantseptakkord der Basslinie die "Trübsal" auszumalen. Was für eine überwältigende Verbindung von Instrumentalkonzert und Chorsatz! Wer sonst könnte das so schreiben wie Bach, ohne jegliches Vorbild?

Von so viel Trübsal löst sich der Alt der folgenden Arie in B-Dur, zusammen im Duett mit einer Violine und nach oben gerichteten Motiven auf den Text "ich will nach dem Himmel zu", nicht ohne auf das "schnöde Sodom" mit seufzendem Sept-Nonen-Akkord herabzublicken. Im B-Teil der Da-Capo-Arie kommt uns auch das Thema zu "meines Bleibens ist nicht hier" bekannt vor – wir kennen es als Thema der Kantate (und auch einer Orgelfuge) Ich hatte viel Bekümmernis . Das ist das Besondere bei Bach: Wir können seinen kompositorischen Denkprozess nachvollziehen und gleichzeitig das Ergebnis musikalisch genießen!

 

Wie anders könnte das folgende Sopran-Accompagnato-Rezitativ mit den Worten "Ach", "böse Welt", "Weinen", "Seufzer", "Leid" kompositorisch umgesetzt werden als mit verminderten Akkorden, chromatischen Linien oder seufzenden Vorhalten? Und die folgende Sopran-Arie? Ich erinnere ich mich noch, als wenn es gestern gewesen wäre, welche Glücksgefühle das Duett der Flöte, begleitet von zwei Oboen d'amore, in mir ausgelöst hat. Wie es immer wieder zwischen dem d-Moll der "Zähren" und des "bangen Herzens" und dem F-Dur der "Herrlichkeit" und den "Tagen der seligen Ernte" hin und her schwankt. Und im Tenor/Bass-Duett "Wie will ich mich freuen", das die Kantate beschließt: Kann man "freuen" und "laben" rhythmisch-metrisch und melodisch angemessener in Musik setzen als in diesem Menuett zweier Stimmen?

 

 

 



 

 

In seinem vielseitigen Repertoire hat sich der Chor- und Orchesterdirigent Frieder Bernius auch sehr intensiv den Werken Bachs zugewandt. Das von ihm gegründete ­Barockorchester Stuttgart ist spezialisiert auf die historische Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts. Zuletzt erschien bei Carus seine Einspielung von Bachs Matthäus-Passion.

Foto: © Gudrun Bublitz

 

 

Aus den Quellen geht hervor, dass die Kantate von Bach für den Sonntag Jubilate bestimmt ist. Die Grundlage des Textes, dessen Dicher bis heute unbekannt ist, bildet die im Evangelium dieses Sonntags vorgegebene Gegenüberstellung von Traurigkeit...

Dirigierpartitur

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