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Komponist*in
Rudolf Mauersberger
| 1889-1971
Rezensionen
Dresdner Requiem
Dresdner Requiem
Der bedeutendste kompositorische Beitrag zum Thema der Dresdner Bombennacht am 13./14. Februar 1945 ist fraglos das „Dresdner Requiem” RMWV 10 des ehemaligen Dresdner Kreuzkantors Rudolf Mauersberger. Es handelt sich dabei laut Untertitel um eine „evangelische Totenmesse nach Worten der Bibel und des Gesangbuches” für Einzelstimmen, 3 Chöre, Blechbläser, Schlaginstrumente, Kontrabass, Celesta und Orgel.
Das „Dresdner Requiem” wurde vom Komponisten mehrfach überarbeitet. Der erste Entwurf erfolgte während des Sommers 1947. Die Erstfassung vollendete Rudolf Mauersberger 1948, die Zweitfassung zehn Jahre später und die Letztfassung am 30. Juli 1961.
Das „Dresdner Requiem” ist gegliedert in Introitus - Kyrie - Vergänglichkeit, Tod, Dies Irae - Sanctus und Agnus Dei. Das Werk besteht aus 37 Einzelsätzen und hat eine Aufführungsdauer von ca. 60 Minuten. Mauersberger beabsichtigte mit dem „Dresdner Requiem”, eine „evangelische Totenmesse zu schaffen, wie sie die protestantische Kirche noch nicht besitzt”. Das Werk erlebte in der ersten Fassung am Johannistag 1948 in der Dresdner Martinskirche durch den Dresdner Kreuzchor unter der Leitung des Komponisten seine Uraufführung. Die äußere Anlage folgt dem traditionellen Aufbau der lateinischen Totenmesse. Durch liturgische Einschübe und Verwendung von Choralstrophen rückt Mauersberger das Werk in die Nähe eines evangelischen Gottesdienstes. Das „Dresdner Requiem” ist dem Dresdner Kreuzchor „auf den Leib geschneidert” und für eine Aufführung in der Dresdner Kreuzkirche bestimmt. Bereits bei der Konzeption hatte der Komponist den wiederaufgebauten großen Kirchenraum im Blick. Dem Raum verpflichtet ist auch die Disposition der drei getrennt aufgestellten Chorgruppen. [ ] Der Komponist war von den Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945 selbst betroffen. Nur mit Mühe konnte er sein Leben retten. Unüberhörbar integrierte er seine Erlebnisse und seine Befindlichkeit in das „Dresdner Requiem”. Dieses starke emotionale Engagement, gekoppelt mit handwerklicher Souveränität und künstlerischer Meisterschaft, spürt jeder aufgeschlossene Hörer bei Aufführungen des „Dresdner Requiems”.
Matthias Herrmann, der Herausgeber, ging mit philosophischer Akribie, mit großer Sachkenntnis und spezifischer Vertrautheit zu Werke. Er hat sich seit nahezu zwei Jahrzehnten mit dem Mauersbergerschen Œuvre beschäftigt, war selbst Kruzianer, wurde in seiner Jugend als Kreuzchorist durch Mauersberger geprägt, rettete das verstreute Werk seines einstigen Lehrers durch Überführung in die Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und erstellte als profunder Kenner der Materie das Rudolf-Mauersberger-Werke-Verzeichnis (RMWV). Er habilitierte sich zudem über das Mauersbergersche Frühwerk, edierte mehrere Mauersbergersche Kompositionen und betreute wissenschaftlich die 1994 erfolgte erste CD-Einspielung des „Dresdner Requiems” durch den Dresdner Kreuzchor unter Matthias Jung.
Infolge der gründlichen Vertrautheit mit dem Mauersbergerschen CEuvre gelang ihm mit der Herausgabe des „Dresdner Requiems”, dessen Quellenlage als ein Opus in progressu recht kompliziert ist, eine vorzügliche kritische Edition.
Das Vorwort in Deutsch, Englisch und Französisch, die Wiedergabe des gesungenen Textes in Deutsch und Englisch und mehrere Seiten Facsimilia machen die Lektüre bei aller Kompliziertheit der Sachlage zu einem Vergnügen, verbunden mit Kenntnisgewinn. Aufführungspraktische Hinweise werden den potentiellen Interpreten ebenso hilfreich sein wie Hinweise auf Choraufstellungen und liturgische Ausgestaltung. Der Notensatz ist sehr übersichtlich und gediegen. Der Kritische Bericht gibt detaillierte Auskünfte u.a. über die Quellenlage, Schreibernachweise und Editionsprobleme. „Einzelanmerkungen” bezeichnen die vom Herausgeber vorgenommenen Ergänzungen, Korrekturen und Hinweise auf Details.
Zu dieser vorzüglichen Edition kann man den Herausgeber und den Carus-Verlag Stuttgart nur beglückwünschen. Die Herausgabe dieses wichtigen und repräsentativen Werkes wird sicherlich dazu beitragen, das „Dresdner Requiem” im Repertoire von leistungsfähigen Kantoreien und Chören fester zu verankern und damit das kompositorische Vermächtnis des unvergessenen Dresdner Kreuzkantors mehr als bisher zu propagieren.
Hans John
Quelle : Dresdner Hefte, 3/1996, S. 98/99