Walter Feldmann: «réduction d’emballage» - Noten | Carus-Verlag

Walter Feldmann «réduction d’emballage»

für Klarinette und Streichquartett 1998-99/2002-03

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Seit einiger Zeit beschäftigt mich das Umwandeln von zufällig vorgefundenem Material. Vor allem ist es Text, der vermessen wird und so in Zahlen ausgedrückt werden kann. Diese dienen sowohl der Herstellung von Zeitstrukturen als auch der Tonhöhen und Rhythmen, können sie doch, in ihrer Abstraktheit, verschiedenste Parameter kodieren: als Sekundenangabe, als Hertzzahl, als Dichtezahl und vieles mehr. « réduction d’emballage » ist – wie seine Schwesterkomposition « dolcificare a piacere » – « r.e.c. » für Solocello, Englischhorn, Frauenstimme und Klavier– aus der gleichen Struktur hervorgegangen. Diese wird gebildet von zwei „Gebrauchssätzen“, der eine aus einem Teebereitungsrezept („dolcificare a piacere“ = süßen nach Belieben), der zweite eine Anweisung, die gebrauchte PET-Flasche eines französischen Mineralwassers möglichst abfallarm, das heißt zusammengepresst, zu entsorgen („réduction d’emballage par compression“). Den Buchstaben beider Sätze werden die Nummern ihrer Stelle im Alphabet zugeordnet (a = 1, b = 2 usw.) und diese Zahlen in Sekunden, also in Zeit und Strukturabstände umgewandelt (a = 1 Sekunde, b = 2 Sekunden usw.). Die Struktur des zweiten Satzes wirkt sich komprimierend aus: Die Tonumfänge der einzelnen Instrumente werden nach und nach kleiner, bis sich alle um den Zentralton h = (247 Hz) bewegen. Sämtliche Spielarten der Instrumente richten sich wiederum nach der Art der Buchstaben. So entspricht zum Beispiel, sehr direkt, ein d dem kurzen und unbetonten Ton, ein r dem Tremolo, a dem ponticello, was einer dreischichtigen Interpretation der Buchstaben gleichkommt: 1. s wie slap; der Buchstabe als Initiale der Spielbezeichnung; 2. p wie/als pizzicato; Initiale und Laut; 3. j als glissando, der Lautcharakter allein bestimmt die Spielart. Im Klarinettenquintett wird die ganze Struktur von « dolcificare a piacere » – « r.e.c. » verdreht: Sie liest sich von hinten („erecaip a eracificlod“), die einzelnen Sätze werden gegenteilig auf die Instrumente verteilt: in « dolcificare a piacere » – « r.e.c. » buchstabiert das Solocello, in « réduction d’emballage » das „begleitende“ Quartett den Satz „dolcificare a piacere“. Es entsteht ein völlig neues Stück, dessen Aufgabe aber dadurch erschwert wird, dass die Tonräume sich öffnen, vom h bis zu neu bestimmten Endrahmen. Das Ziel der Musik wird so schwerer fassbar und kompositorisch einschätzbar. So wird auch im letzen Drittel des Stücks die Herstellung des Materials (und nicht die endgültige Behandlung) viel freier gehandhabt, es wird gestreckt und betrogen, oder besser gesagt: subversiv gegen das – eigentlich kalte – Material angekämpft. Das kompositorische Gewissen verlangt aber bei diesen Eingriffen, dass sie mit Hilfe irgendwelcher struktureigener Merkmale erfolgen und auch zusätzlich markiert werden: so zum Beispiel mit den leeren Saiten der Streicher, die im letzten Drittel des Stücks dauernd anklingen, mehr oder weniger präsent je nach der Schwere des subversiven Eingriffs. So entsteht ein spielerischer Umgang mit Material und kompositorischer Verantwortung, der nicht zuletzt oft zu absurden, aber begehbaren und humorvollen Situationen führen kann. Walter Feldmann
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Zusatzinformationen zum Werk
  • Walter Feldmann ist ein Schweizer Komponist und Flötist. Seine akribischen Kompositionen sind bekannt für ihren Bezug zu Literatur und Text. Literatur und Musik durchdringen sich somit in all seinen Aktivitäten. www.walterfeldmann.com zur Person

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