Victor Hugo schildert in seinem Gedicht Soirée en mer, wie die See von zwei Liebenden zur gleichen Zeit am selben Ort sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Während der Mann die größer werdenden Schatten auf den tänzelnden Wellen wahrnimmt, bestaunt die Frau die immer glänzenderen Sterne am Firmament. In der Natur, wie in den Worten des Gedichts wird die schmerzliche Ambiguität erfahrbar, die das Leben in seinem Kern trifft. Jene schwer aushaltbare Gleichzeitigkeit von Leben und Sterben, von Liebe und Leid fängt Hugo poetisch wie kaum ein Zweiter ein. Saint-Saëns übersetzt dies in Musik – die wohl flüchtigste und gegenwärtigste aller Kunstformen. Seine ausgewogene musikalische Form lässt dem Wort viel Raum und seine subtilen Klangfarbenvariationen, die auch Denis Rouger zu seinem Chorarrangement inspiriert haben, erzeugen ein Brodeln unter der Wasseroberfläche des Meeres.
Das vorliegende Kunstlied wurde ursprünglich nicht für Kammerchor, sondern für eine Solostimme und Klavier geschaffen. Denis Rouger hat es behutsam den Bedürfnissen und Ausdrucksmöglichkeiten eines größeren Ensembles angepasst, ohne dabei die Qualitäten des Originals zu verleugnen. Jede Stimme im Chor erhält ihre aus dem harmonischen und rhythmischen Gerüst extrahierte Melodielinie. Dabei verbindet sich die Vielfalt und Raffinesse des chorischen Ausdrucks mit der enormen Flexibilität in Gestaltung und Ausdruck, wie sie die französischen Mélodies oder das deutsche Kunstlied von einem Solisten und dem Klavierpart fordern.
Das Lied wurde eingesungen vom figure humaine kammerchor auf der CD ...wo die Zitronen blühn (Carus 83.514).
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Komponist*in
Camille Saint-Saëns
| 1835-1921Camille Saint-Saëns war ein wahres Multitalent. Er war Pianist, Dirigent, Organist, Musikwissenschaftler, Musikpädagoge und Komponist und erlangte vor allem durch den Karneval der Tiere und die Oper Samson et Dalila Bekanntheit.
Seine Sinfonie A-Dur komponierte er mit 15 und wurde bereits mit 16 an der Universität in Paris aufgenommen. Klavier, Orgel und Komposition studierte Saint-Saëns am Pariser Konservatorium und wurde 1852 Organist von Saint-Séverin in Paris. Im selben Jahr lernte er auch Franz Liszt kennen, welcher folgend einen Einfluss auf Saint-Saëns kompositorisches Schaffen ausübte. Ein Jahr später feierte er dann als Komponist sein musikalisches Debüt. Die Oper Samson et Dalila, die 1877 in Weimar uraufgeführt wurde, brachte ihm einen bis heute anhaltenden Erfolg an den Opernhäusern. Sein Weihnachtsoratorium Oratorio de Noël, das beim Carus-Verlag erhältlich ist, ist wohl das bekannteste seiner geistlichen Werke. zur Person
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Textdichter*in
Victor Hugo
| 1802-1885
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Bearbeiter*in
Denis Rouger
| 1961Denis Rouger hat seine musikalischen Erfahrungen zunächst als Sohn einer Pariser Musikerfamilie und bei seinem Studium am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris gesammelt, wobei er erste Preise in Harmonie, Fuge und Kontrapunkt erhielt.
20 Jahre lang war er Dozent und Chorleiter an der Universität Paris-Sorbonne und 10 Jahre Chorleiter an der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Er ist Ehrenkapellmeister der Pariser Kirche La Madeleine. Auch in Deutschland hat er Kontakt zu zahlreichen Ensembles. So wurde er als Gastdirigent u.a. von Rundfunkchören, dem Balthasar-Neumann-Chor, dem Landesjugendchor Baden-Württemberg, sowie zu den Stuttgarter Philharmonikern eingeladen. Konzerte führten ihn nach Italien, Kanada, Russland, in die Niederlande, die Vereinigten Arabischen Emirate und in die Schweiz (Lucerne Festival).
Er gibt Meisterkurse in Schweden, Bulgarien, Frankreich, Deutschland sowie in der Schweiz.
Seit 2011 ist Denis Rouger Professor für Chordirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Der von ihm im Herbst 2011 gegründete Kammerchor der Musikhochschule gewann 2014 den Ersten Preis beim Internationalen Chorwettbewerb in Mosbach (Deutschland).
Neben seiner Arbeit als Chorleiter komponiert Rouger und bearbeitet französisches sowie deutsches Liedgut für Chor. Seine Bearbeitungen auf den CDs Kennst Du das Land ... und ... wo die Zitronen blühn (Carus) fanden bei Presse und Rundfunk regen Anklang. In Zusammenarbeit mit dem Carus-Verlag hat er das Chorbuch Französische Chormusik, das 2019 den Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ erhalten hat, herausgegeben.
2016 gründete Denis Rouger den figure humaine kammerchor (www.figurehumaine.de), mit dem er regelmäßig Konzerte bei namhaften Festivals gibt.
zur Person