Chorhighlights 17. Jahrhundert

Lieblingsstücke aus dem 17. Jahrhundert

Dr. Uwe Wolf, der Leiter des Lektorats bei Carus, ist als Musikwissenschaftler vor allem im 17. und 18. Jahrhundert zuhause. Seine Arbeitsschwerpunkte reichen von der Zeit Monteverdis und Schütz über Bach und die Generation der Bach-Söhne bis hin zur Wiener Klassik. Hier hat er seine ganz persönlichen Lieblingsstücke aus dem 17. Jahrhundert zusammengestellt.

"Musikalisch gesehen ist das 17. Jahrhundert für mich ein Jahrhundert voller Highlights. Besonders die ersten Jahre haben es mir angetan. Welch ungeheure revolutionäre Kraft steckt in dieser Musik: So viel Neues, auch Extremes entstand in so kurzer Zeit! Der Rest des Jahrhunderts konsolidiert, glättet, bildet Formen aus, bereitet u. a. Bach den Weg, aber ohne seine Anfänge je ganz zu verleugnen. Beim „Gang“ durch das Jahrhundert habe ich einige meiner Herzenswerke ausgewählt – und dabei auch ein wenig über die Grenzen des Jahrhunderts hinausgeschaut. Aber wie es so ist mit einer Auswahl: es gäbe noch so viele Werke mehr vorzustellen…"

  • ca. 1565: Giovanni Pierluigi da Palestrina

    Die schöne Geschichte um die Aufführung der Missa Papae Marcelli auf dem Konzil von Trient (1545–1563) und die Rettung der Kirchenmusik durch dieses Musikstück ist Legende, mehr nicht. Trotzdem steht diese Messe heute symbolisch für das Konzil, das der katholischen Gegenreformation bedeutende Impulse gab und so die Kultur – und damit auch die Musik – des nachfolgenden Jahrhunderts prägte.

  • 1597 / 1615: Giovanni Gabrieli

    Das 17. Jahrhundert klingt musikalisch bereits im 16. Jahrhundert an, unter anderem in der mehrchörigen Musik Giovanni Gabrielis, in der flächige Klangwirkungen die kontrapunktische Satzart verdrängen. Und wieviel Potential in Gabrielis Mehrchörigkeit steckt, sehen wir dann in seiner – posthum erschienenen – Sammlung Hodie completi sunt von 1615: Hier bricht die Fläche auf und konzertierende Elemente treten hervor. Das neue Jahrhundert ist vollends angebrochen.

  • 1605: Claudio Monteverdi

    Schon Jahre vor der ersten Veröffentlichung diente Monteverdis Madrigal Cruda amarilli seinem ärgstem Widersacher Giovanni Maria Artusi als Beispiel für die Regelwidrigkeit von Monteverdis Kompositionen. Vielleicht ist das Madrigal gerade deshalb eines von Monteverdis bekanntesten Werken, damals wie heute. Es erschien 1605 in Monteverdis 5. Madrigalbuch und fehlte auch nicht in der zwei Jahre später erschienenen Sammlung mit geistlich-lateinischen Madrigal-Kontrafakturen des mit Monteverdi befreundeten Aquilino Coppini. Unsere Ausgabe bietet sowohl den weltlich-italienischen als auch den lateinisch-geistlichen Text. Weitere reizvolle Madrigale finden Sie im Chorbuch Monteverdi.

  • 1610: Claudio Monteverdi

    Anfang des 17. Jahrhunderts liegt so viel Neues „in der Luft“: Die Monodie, konzertante Elemente, der Basso continuo, große Klangflächen, sich emanzipierende Instrumente und atemberaubende Virtuosität! Auch in der Kirchenmusik! Und nirgends findet sich alles, was musikalisch kurz nach 1600 möglich ist, auf so engem Raum verdichtet wie in Monteverdis Kirchenmusikdruck von 1610, einer – im Übrigen erfolglosen – „Bewerbungsmappe“ nach Rom. Von der niederländischen Parodiemesse (Missa in illo tempore) über Themen von Nicolas Gombert bis zum hoch virtuosen Duo Seraphim (aus Vespro della Beata Vergine) und dem Magnificat mit ebenfalls virtuosen obligaten Instrumentalstimmen, komponiert über den liturgischen cantus firmus. Es ist diese Spannung, dieses Ausloten der Möglichkeiten in alle Richtungen und stets bis zum Äußersten, das die Faszination dieser Schlüsselwerke der Musikgeschichte ausmacht und uns bis heute in den Bann zieht.

  • 1619: Heinrich Schütz / Michael Praetorius

    Mit den Psalmen Davids von Heinrich Schütz und der Polyhymnia caduceatrix von Michael Praetorius ist 1619 der „neue Stil“ endgültig in Deutschland angekommen. Beide verbinden die mehrchörige, flächige Setzweise mit konzertanten Elementen und dem gezielten Einsatz von Instrumenten. Und doch sind es ganz unterschiedliche Kompositionen. Schütz schreibt einen Psalm, der den Kompositionen seiner italienischen Kollegen in nichts nachsteht. Nur die deutsche Sprache macht den Psalm zu einer deutschen, protestantischen Musik. Praetorius hingegen verbindet Mehrchörigkeit, konzertantes Musizieren, Ritornellform und einiges mehr, was er sich von seinen italienischen Vorbildern abgeschaut hat, mit einem Luther-Lied – und legt damit den Grundstein für die spätere Entwicklung der protestantischen Kirchenmusik bis hin zur Choralkantate. Was mögen die beiden Herren wohl zu reden gehabt haben, als sie 1617 in Dresden anlässlich des 100. Reformationsjubiläums zusammen musizierten? 

  • 1623: Johann Hermann Schein

    Auch die italienische Madrigalkunst gelangte nach Deutschland. Wenn auch die dichterische Form des Madrigals kaum auf das Deutsche zu übertragen ist, so beeinflusste der Madrigalstil mit den sogenannten „Madrigalismen“, also der bildhaft-tonmalerischen Ausdeutung von Textworten auch mit satztechnischen „Lizenzen“, das weltliche wie das geistliche Komponieren auch in Deutschland. In besonderer Weise stehen dafür die Kompositionen aus Scheins Fontana d’Israel oder Israels Brünnlein: Motetten, geschrieben „auff Italian-Madrigalische Manir“. Nicht zu übersehen und zu „überhören“ ist das z. B. in Die mit Tränen säen mit geradezu schmachtender Chromatik. 

  • 1640: Giacomo Carissimi

    Im heutigen Konzertbetrieb beginnt das Oratorium im 18. Jahrhundert: Bachs Weihnachtsoratorium, die Oratorien von Haydn und Mendelssohn, von Spohr und Franck. Die Geschichte der Oratorien begann aber deutlich früher. Eine der Wurzeln sind die Historien über biblische Stoffe, von denen vor allem die beiden Historien von Schütz noch im heutigen Konzertbetrieb präsent sind (Auferstehungshistorie 1623 und Weihnachtshistorie (Druck) 1664). In diese frühe Zeit gehört auch die Historia di Jephte von Giacomo Carissimi über die erschütternde Geschichte des Heerführers Jephta, der in Folge eines Gelübdes seine Tochter opfert. Ein frühes Beispiel in der Geschichte des italienischen Oratoriums und doch zugleich auch schon einer seiner Höhepunkte.

  • 1648: Heinrich Schütz

    Das Jahr 1648 fehlt in keinem Geschichtsbuch: Es ist das Jahr des Westfälischen Friedens und markiert das Ende des Dreißigjährigen Krieges, dessen zerstörerische Kraft in weiten Teilen Europas auch die Kultur und Musik zum Erliegen gebracht hatte. Heinrich Schütz hat den Krieg hautnah miterlebt, hat mehrfach zu Treffen der Potentaten in Kriegszeiten Musik beigesteuert (u.a. 1627: Da pacem Domine SWV 465 zum Mühlhäuser Fürstentag und 1631 zum Leipziger Fürstenkonvent Herr, du bist vormals genädig gewest SWV 461. Die Friedenssehnsucht spricht auch bei Schütz‘ Motette Verleih uns Frieden genädiglich über das Luther-Lied SWV 372 aus jeder Note! Nicht zu trennen ist die Motette von ihrem zweiten Teil: Gib unsern Fürsten SWV 373, denn auch damals wusste man genau: Der Frieden in der Welt hängt an den Potentaten.

  • 1671: Andreas Hammerschmidt

    Hammerschmidts Machet die Tore weit ist seit dem frühen 20. Jahrhundert ein echter Hit der Chormusik; dazu trug auch eine etwa auf die Hälfte gekürzte Fassung bei, die das Werk nochmal leichter aufführbar machte. Doch auch im 17. Jahrhundert genossen die Werke Hammerschmidts eine große und anhaltende Popularität: kleinere Formen, eingängige, „erreichbare“ Musik, genau auf die Bedürfnisse des protestantischen Gottesdienstes zugeschnitten und voller musikalischer Einfälle und einprägsamer Melodien. Noch bis weit in das 18. Jahrhundert hinein sind Hammerschmidts Kompositionen im Repertoire vor allem kleinerer Kantoreien geblieben.

  • letztes Drittel 17. Jahrhundert: Johann Christoph Bach

    In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts tritt die Musikfamilie Bach gleich mit einer ganzen Reihe an Komponisten auf den Plan; Komponisten, die wir heute kaum noch auseinanderhalten können. Etliche Stücke werden daher unterschiedlichen „Bächen“ zugeschrieben. Neben vielen Motetten sind auch einige größer besetzte Werke überliefert. Ein echtes Highlight ist das geistliche Konzert zum Michaelis-Fest Es erhub sich ein Streit von (sehr wahrscheinlich) Johann Christoph Bach (1642–1703). Es ist ein beeindruckendes mehrchöriges Werk, in dem zu zwei Vokal- und einem Streicherchor auch ein Trompetenchor hinzutritt, um den Streit zwischen Michael und dem Drachen kriegerisch in Musik zu setzen.

  • 1680: Dietrich Buxtehude

    Buxtehudes norddeutsche Andachtsmusik Membra Jesu nostri über lateinische Meditationen an die Köperteile des gekreuzigten Christus, denen jeweils Bibelverse an die Seite gestellt werden, ist eine innig schöne Passionsmusik ganz besonderer Art. Während sich die Besetzung neben den fünf Vokalstimmen (sowohl Soli wie Chor) auf 2 Violinen, Violone und Continuo beschränkt, tritt nur zum 6. Teil „Ad Cor“ („an das Herz“) ein fünfstimmiges Gambenkonsort hinzu – unökonomisch, aber ungeheuer wirkungsvoll. Buxtehudes Musik verweist nach vorne, auf Bach (der eigens nach Lübeck wanderte um Buxtehude zu hören), es ist aber auch noch viel Monteverdi drin (etwa am Ende des 5. Satzes). 

  • 1692: Henry Purcell / Marc-Antoine Charpentier

    Zwei ausgesprochen festliche Kompositionen entstanden um 1692 in London und Paris: Purcells Cecilienode Hail! Bright Cecilia und Charpentiers berühmtes Te Deum. Purcells Cäcilien-Ode ist eine durchweg spritzige Kantate voller Kontraste, Emotionen, musikalischer Lautmalereien und triumphaler Chöre. Gut 50 Minuten spannender Musikgenuss! Charpentier hat eine Reihe von Te Deum-Vertonungen geschrieben, darunter DAS Te Deum, die Komposition, deren Eröffnungsmotiv als „Eurovisions-Fanfare“ jeder pfeifen kann und deren martialischer Ton wohl dem vermuteten Anlass, dem Sieg der französischen Armee bei Steinkerque, geschuldet ist. Entstanden ist eine abwechslungsreiche, kantatenartige Komposition mit triumphalen wie besinnlichen Sätzen, in der alles aufgeboten wird, was zu einer höfischen Festkomposition dazugehört – denn in einem Te Deum feiert der Hof Ludwigs XIV. natürlich vor allem sich selbst.

  • 1708: Johann Sebastian Bach

    Das 18. Jahrhundert ist – in unserer Wahrnehmung – vor allem anderen erst einmal das Jahrhundert von Johann Sebastian Bach. Eine seiner frühsten Vokalkompositionen, die Mühlhäuser Ratswahlkantate Gott ist mein König, ist wie Charpentiers Te Deum eine politische Musik: Die Einsetzung des neuen Rats wird gefeiert. Und da ist noch ganz viel 17. Jahrhundert drin in dieser „glückwünschenden Kirchen Motetto“. Zugleich ist es auch ein „echter“ Bach, allerdings einer, der doch ziemlich singulär in seinem Œuvre dasteht, z.B. mit der so ganz anderen (chorischen) Art der Orchesterbehandlung.