Nonet
1945
-
Composer
Rudolf Karel
| 1880-1945
Reviews
RUDOLF KAREL:
Karel, Rudolf:: Nonett (1945) für Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Corno, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabaß
Die vorliegende Ausgabe müsste unter drei Gesichtspunkten gewürdigt werden: unter biographischem und zeitgeschichtlichem, werkgeschichtlichem sowie editorischem. Dazu ist hier jedoch nicht der Ort. Andeutungen und Hinweise müssen genügen. Das Vorwort bietet eine kurze biographische Skizze, die sogleich das ganze Elend dieses unseligen Jahrhunderts vergegenwärtigt. Rudolf Karel, der letzte Schüler Dvoráks, stirbt in der Kleinen Festung Theresienstadt am 6. März 1945. Das Nonett, diese seine letzte Komposition, schrieb Karel, durch Krankheit und Not bereits geschwächt, auf einzelne Blätter Toilettenpapier. Faksimiles veranschaulichen dieses erstaunliche und anrührende Dokument künstlerischer Produktivität. Es sind Particellteile und Skizzen, immerhin genug, um eine Vollendung zu erlauben, obgleich - wie es im Editionsbericht heißt - kein Satz des Werkes vollständig ausformuliert vorliegt. Die aufgezeichnete Musik wurde sofort nach Kriegsende in aufführungsreife Form gebracht (und auch mehrfach aufgeführt), aber es entstand dann doch der Wunsch, eine den Intentionen des Komponisten, wie sie immerhin aus den Aufzeichnungen zu erkennen waren, angemessenere Bearbeitung herzustellen. Das Ergebnis dieser Bemühungen wird hier in würdiger Form, in einer sehr schön gedruckten Ausgabe vorgelegt. Ein Vorwort in deutscher Sprache (gekürzt auch englisch, französisch und tschechisch) ist sehr informativ, ebenso der knappe, aber zureichende Editionsbericht. Für die Vervollständigung und Instrumentation zeichnet Vaclav Snitil, Herausgeber ist Milan Kuna.
Das Werk folgt in der Besetzung dem klassischen Nonett in F- Dur op. 31 von Louis Spohr und der ihm folgenden Nonette von Alois Hába, dessen erstes (op. 40, 1931) zu seinen bekanntesten Werken im Halbtonsystem zählt. Die Besetzung ist - wegen des Kontrabasses - eigentlich kammersymphonisch, und dem entspricht auch die Substanz. Die Tonsprache ist frei tonal, die Notation vielfach enharmonisch. Es ist ein schönes, schwungvolles und doch ausgewogenes Werk, das sich für Ensembles dieser Besetzung - wie eben das „Tschechische Nonett” - als wirkungssicheres dreisätziges Stück selbst empfiehlt. Es wird sicher mit dazu beitragen, dass der Name des so fruchtbaren Komponisten im Gedächtnis auch außerhalb Böhmens haftet.
Rudolf Stephan
Quelle: Das Orchester 7/8 (1996), S. 79
Es ist immer wieder unvorstellbar, unter welchen Bedingungen verfolgte Komponisten in der Zeit zwischen 1933 und 1945 lebten und dabei trotzdem bedeutende Werke schufen. In den 90er Jahren des letzen Jahrhunderts wurde einige dieser Komponisten wiederentdeckt, Anlass war der 50. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkriegs bzw. die Jahrestage der Befreiung von Auschwitz und anderes Konzentrationslagern. [...] Nun liegt das Nonett des zu seiner Zeit über die Grenze seines Heimatlandes hinaus bekannten, heute fast völlig vergessenen Komponisten Rudolf Karel in einer Neuausgabe vor.
[...] Die Skizzen und Entwürfe des Nonetts gelangten zu Frantisek HertI, dem Kontrabassisten und Leiter des Tschechischen Nonetts, der eine spielbare Bearbeitung des Stückes herstellte. Diese wurde im Dezember 1945 im Tschechoslowakischen Rundfunk uraufgeführt. Doch da diese erste Bearbeitung des Stückes Streichungen gegenüber der Vorlage, Vereinfachungen der harmonischen Verläufe und Veränderungen der formalen Anlage enthielt, entschloss sich Václav Snítil, von 1975 bis 1988 Primarius und Leiter des Tschechischen Nonetts, daneben auch Komponist, das Werk auf Grundlage der Skizzen neu zu bearbeiten und zu instrumentieren. Diese Bearbeitung wurde im Mai 1985 in Beroun an lässlich der Eröffnung der Ausstellung „Musik an der Grenze des Lebens” zur Feier des 40. Jahrestages der Befreiung der Tschechoslowakei von der deutschen Besetzung uraufgeführt. Diese Bearbeitung ist hier erstmals veröffentlicht.
Karels Nonett ist 3sätzig, die Aufführung dauert etwa 17 Minuten. Der erste Satz „Allegro con fuoco” lehnt sich an die klassische Sonatensatzform an, das „Andante” ist dreiteilig mit kurzer, auf den Mittelteil zurückgreifender Coda, der abschließende „Molto allegro”-Satz ist ein mitreißendes Rondo, dessen Thema von böhmischer Volksmusik inspiriert ist. Das ganze Werk ist sinfonisch dicht, sehr ausdrucksstark und gehaltvoll. Es spielt mit den Klangfarben und Klangmischungen der Instrumente, ist meisterhafter in seiner ausgefeilten und abwechslungsreichen Kontrapunktik und reizvoll und vielfältig in seiner spätromantischen Harmonik. Die Heiterkeit gerade des letzten Satzes ist kaum zu glauben, bedenkt man die Entstehungsumstände. Aber vielleicht ist es gerade das, was Musiker wie Rudolf Karel am Leben erhielt. So schreibt er einen Monat vor seinem Tod an einen Mithäftling „... ich schließe mit ein bisschen Musik, die sich bemüht, die Vorstellung des Frühlings, unseres Retters, hervorzuzaubern.”
Die vorliegende Ausgabe von Karels Nonett im Carus Verlag ist mustergültig. Die Partitur enthält ein ausführliches Vorwort von Milan Kuna, der seine Kompetenz für den Themenbereich „Musikerinnen und Musiker aus böhmischen Ländern in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen” durch sein bei Zweitausendeins erschienenes Buch „Musik an der Grenze des Lebens” hervorragend bewiesen hat. Neben einem Editionsbericht sind auf acht Seiten Faksimiles einiger des Skizzen abgebildet, die die Entstehungsgeschichte des Werkes verdeutlichen, gleichzeitig aber auch zeigen, welche Arbeit Václav Snítil mit der Vervollständigung und der Instrumentation geleistet hat. Neben der mir vorliegenden Partitur sind bei Carus auch die Einzelstimmen erschienen. Das Nonett von Rudolf Karel sei jedem Ensemble in dieser Besetzung ans Herz gelegt, auf dass es sich einen festen Platz im Konzertsaal erobere!
Eberhard Holbein
Quelle: Oboe-Fagott Nr. 74 (1/2004)